Hans Zimmermann, Görlitz : Materialien für Griechisch/ Latein : Christian Morgenstern : Horaz-Travestie
 
Horatius travestitus
von
Christian Morgenstern
ein Studentenscherz (1896)
 
I,1     Maecenas, atavis edite regibus 
I,9     Vides ut alta stet nive candidum 
I,11   Tu ne quaesieris, scire nefas 
I,20   Vile potabis modicis Sabinum 
I,22   Integer vitae scelerisque purus 
I,23   Vitas hinuleo me similis, Chloe 
I,27   Natis in usum laetitiae scyphis 
I,32   Poscimur. Siquid vacui sub umbra 
I,33   Albi, ne doleas plus nimio inmitis 
  
II,3    Aequam memento rebus in arduis 
II,19  Bacchum in remotis carmina rupibus 
  
III,9  Donec gratus eram tibi 
III,12 Miserarum est neque amori  
III,21 O nata mecum consule Manlio 
III,22 Montium custos nemorumque, Virgo 
III,25 Quo me, Bacche, rapis tui 
III,26 Vixi duellis nuper idoneus 
III,30 Exegi monumentum aere perennius
Hoher Protektor und Freund, Edler von Gönnersheim 
Du siehst, wie weiß, im glänzenden Schneegewand 
Laß das Fragen doch sein!      sorg dich doch nicht 
Während du im Frack vor der Rampe standest 
Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist 
Warum fliehst du vor mir wie eine scheue Gems 
Beim Weine gegenständlich zu werden, ist 
Spielen soll ich! ... Wenn ich auf deinen Tasten 
Albert, kränke dich nicht allzusehr um ein Weib! 
 
«Kalt Blut und warmes Untergewand!» das ist 
Gambrinus selber sah ich am Nockherberg 
 
Als ich Hahn noch im Korbe war 
Welch ein Elend, arme Kleine 
Heut soll der Zweiundsechziger endlich dran 
Die Sie Wind und Wetter nicht scheuten, Emma 
Wohin reißt mich der süße Wein? 
Vor kurzem noch ein Ritter im Liebesspiel 
Wenn die Bürger mir ein Monument stifteten
 
 
 Christian Morgenstern: Horatius travestitus  I,1  –  zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,1)
Maecenas, atavis  edite regibus,  
O et praesidi' et  dulce decus meum:  
Sunt quos curriculo  pulver' Olympicum  
collegisse iuvat;  metaque fervidis  
   
evitata rotis  palmaque nobilis   
Terrarum dominos  evehit ad Deos.   
Hunc, si mobilium  turba Quiritium   
certat tergeminis  tollere honoribus;   
   
illum, si proprio  condidit horreo   
quidquid de Libycis  verritur areis.   
Gaudentem patrios  findere sarculo   
agros, Attalicis  condicionibus   
   
numquam demoveas,  ut trabe Cypria   
Myrtoum pavidus  nauta secet mare.   
Luctant' Icariis  fluctibus Africum   
mercator metuens,  oti' et oppidi   
   
laudat rura sui:  mox reficit rates   
quassas, indocilis  pauperiem pati.   
Est qui nec veteris  pocula Massici,   
nec partem solido  demere de die   
   
spernit; nunc viridi  membra sub arbuto   
stratus, nunc ad aquae  lene caput sacrae.   
Multos castra iuvat,  et lituo tubae   
permixtus sonitus,  bellaque matribus  

detestata. Manet  sub Jove frigido   
venator, tenerae  coniugis inmemor;   
seu visast catulis  cerva fidelibus,   
seu rupit teretes  Marsus aper plagas.  

Me doctar' hederae  praemia frontium   
dis miscent superis:  me gelidum nemus   
Nympharumque leves  cum Satyris chori   
secernunt populo;  si neque tibias   

Euterpe cohibet,  nec Polyhymnia   
Lesboum refugit  tendere barbiton.   
Quod si me Lyricis  vatibus inseris,   
sublimi feriam  sidera vertice. 

Hoher Protektor und Freund,  Edler von Gönnersheim,  
was doch alles der Mensch  auf seiner Erde treibt! ...   
Dieser fegt auf dem Rad  über die Rennbahn, und   
platzt der Gummischlauch nicht,  geht er zuerst durchs Ziel.  
   
Welcher Tag für den Mann,  wenn ihm das Comité   
die Medaille verleiht,  Meisterschaft zuerkennt!   
Jenen wieder erfreut's,  wenn ihn der Wähler Schar   
an das berühmte Büfett  unseres Reichstags schickt.   
   
Andre, wenn der Kaffee  prompt aus Brasilien kommt,  
Sack an Sack imposant  in ihren Speichern steht.   
Der Agrarier, der  jammernd sein Land bestellt,   
tauscht dir dennoch den Pflug  mit der Couponscher' nicht,  
   
noch verlockst du ihn leicht,  daß einem Dampfer er   
sich zur Überfahrt nach  Mexiko anvertrau.   
Sieh den Kaufmann! Er schimpft  auf Kolonialpolitik,   
wird Lokalpatriot,  gründet Bazars und Klubs,   

aber bald wieder doch  rüstet mit Schnaps und Blei   
neue Schiffe er nach  Togo und Kamerun.   
N. N. schmollt, wie du weißt,  perlenden Sekten nicht,   
noch auch, wenn ein Gelag  früh im Kaffeehaus schließt;   
   
Sommers stärkt er sich dann  durch eine Sprudelkur   
oder reist nach Tirol  oder nach Helgoland.   
Andere wieder sind mit  Leib und Seel Militärs,   
schmähn das faule Zivil,  dem jeder Schuß ein Greul.   
   
Und wer jagt von Beruf  oder aus Waidlust nur:   
Dessen Hitze vergißt  Weibchen und Kinder oft,   
wenn sich etwan ein Hirsch  in seinen Forst verläuft,  
oder Wild- oder Holz-  Diebe zu fangen sind.   
   
Mich – der ja, wie du weißt,  all diesem Treiben fern, -   
reiht mein Sammetbarett  göttlicherm Kreise an,   
trennt vom Trubel der Welt  meiner vier Wände Heim,   
zarter Träume ein Schloß,  klingend von Scherz und Kuß.   
   
Bleibt die Muse nur treu,  rundlich der Pegasus,   
deine Schatulle mein Hort,  Glück meiner Wege Stern,   
sprich gelassen es aus:  oh, welch ein Lyriker!   
Und vom Himmel herab  nick ich, ein Gott zu dir 

 
 
I,9  –  zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,9)
 
    Vides ut alta stet nive candidum   
    Soracte, nec iam sustineant onus  
      silvae laborantes, geluque   
      flumina constiterint acuto:  
       
    Dissolve frigus ligna super foco   
    large reponens, atque benignius   
      deprome quadrimum Sabina,   
      o Thaliarche, merum diota.  
     
    Permitte divis cetera: qui simul   
    stravere ventos aequore fervido  
      deproeliantes, nec cupressi   
      nec veteres agitantur orni.  
     
    Quid sit futurum cras fuge quaerer' et   
    quem fors dierum cumque dabit lucro   
      adpone, nec dulces amores   
      sperne puer neque tu choreas,   
     
    donec virenti canities abest   
    morosa. Nunc et campus et areae   
      lenesque sub noctem susurri   
      composita repetantur hora;   
       
    nunc et latentis proditor intimo   
    gratus puellae risus ab angulo,   
      pignusque dereptum lacertis   
      aut digito male pertinaci. 
    Du siehst, wie weiß, im glänzenden Schneegewand,   
    der Kreuzberg steht, und wie der Viktoriapark   
      tief eingeschneit, wie Spree und Panke   
      Mäntel von Eis auf den Leib gezogen.  
       
    Drum heize, Freundchen, spare die Kohlen nicht,   
    und laß uns im behaglichen Stübchen dann   
      aus schönem alten Rum –  was meinst du? –  
      einen urkräftigen Steifen brauen!   
       
    Laß Pan die Welt verwalten, dem Wintersturm,   
    der mit dem Lenzwind heulende Schlachten schlägt,   
      gebieten! Beide werden schweigen,   
      daß sich kein Zweig mehr am Baume rüttelt.   
       
    Was kann dich kümmern, was dir das Morgen bringt,   
    des Lebens freue jeglichen Tag dich neu,   
      und walze froh mit süßen Mädchen   
      draußen in Halensee oder Treptow,   
       
    solang zu Tanz und Kuß du noch jung genug!   
    Zum Zirkus wandre, sieh dir ein Lustspiel an!   
      Vielleicht auch knüpf ein zart Verhältnis   
      an in dem Dämmer der Gaslaterne!   
       
    Und sitzt du dann bei Dressel beim Dejeuner   
    und deine Kleine hält die Serviette vor –   
      wie köstlich, wenn der scherzhaft Spröden   
      endlich den Kuß du, den süßen, raubtest! 
 
 
I,11  –  zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,11)
Tu ne quaesieris,       scire nefas,   
            quem mihi, quem tibi   
finem di dederint,       Leuconoe,   
            nec Babylonios   
temptaris numeros.    Ut melius,   
            quidquid erit, pati,   
seu plures hiemes      seu tribuit   
            Iupiter ultimam,  
quae nunc oppositis   debilitat   
             pumicibus mare   
Tyrrhenum: sapias,   vina liques,   
             et spatio brevi   
spem longam reseces. Dum loquimur,   
             fugerit invida   
aetas: carpe diem,     quam minimum   
             credula postero! 
Laß das Fragen doch sein!      sorg dich doch nicht  
               über den Tag hinaus!  
Martha! geh nicht mehr hin,    bitte, zu der  
               dummen Zigeunerin!  
Nimm dein Los, wie es fällt!    Lieber Gott, ob  
               dies Jahr das letzte ist,  
das beisammen uns sieht,        oder ob wir  
               alt wie Methusalem   
werden: sieh's doch nur ein:    das, lieber Schatz,  
               steht nicht in unsrer Macht.  
Amüsier dich, und laß              Wein und Konfekt  
               schmecken dir wie bisher!  
Seufzen macht mich nervös.    Nun aber Schluß!  
               All das ist Zeitverlust!  
Küssen Sie mich, m'amie!       Heute ist heut!  
               Après nous le déluge! 
 
 
I,20  –  zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,20)
    Vile potabis modicis Sabinum   
    cantharis, Graeca quod eg' ipse testa   
    conditum levi, datus in theatro  
      cum tibi plausus,  
     
    clare Maecenas eques, ut paterni   
    fluminis ripae simul et iocosa   
    redderet laudes tibi Vaticani  
      montis imago.  
     
    Caecub' et praelo domitam Caleno   
    tu bibes uvam: mea nec Falernae   
    temperant vites neque Formiani   
      pocula colles.   
    Während du im Frack vor der Rampe standest   
    und von Beifallsstürmen das Haus erbebte,   
    zog ich hier auf Flaschen ein schlichtes Fäßchen  
      Marca Italia.  
     
    Teufel auch! es pfiff es der Spatz vom Dach ja!   
    Und ich harrte nur noch auf Extrablätter   
    mit den Lebensdaten und mit dem Bild des  
      glücklichen Mannes.  
     
    Trinkst wohl jetzt nicht mehr meinen sauren Tropfen,   
    alter Schwede, pfeifst nun auf alles andere,   
    als auf Vin sec, Monopol-Heidsick, Cliquot,  
      Pommery-Greno! 
 
 
I,22  –  zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,22)
    Integer vitae scelerisque purus   
    non eget Mauris iaculis nequ' arcu,   
    nec venenatis gravida sagittis,   
      Fusce, pharetra,   
       
    sive per Syrtes iter aestuosas,   
    sive facturus per inhospitalem   
    Caucasum vel quae loca fabulosus   
      lambit Hydaspes.   
       
    Namque me silva lupus in Sabina,   
    dum meam canto Lalagen et ultra   
    terminum curis vagor expeditis,   
      fugit inermem,  
       
    quale portentum neque militaris   
    Daunias latis alit aesculetis,   
    nec Iubae tellus generat, leonum   
      arida nutrix   
       
    Pone me pigris ubi nulla campis   
    arbor aestiva recreatur aura,   
    quod latus mundi nebulae malusque   
      Jupiter urget;   
     
    pone sub curru nimium propinqui   
    solis, in terra domibus negata:   
    Dulce ridentem Lalagen amabo,   
      dulce loquentem. 
    Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist,   
    braucht nicht Degenstöcke, noch Ochsenziemer,   
    noch amerikanische Schlagringwaffen,   
      noch auch Revolver, – 
       
    ob er die unwirtliche Hasenheide  
    oder den Tiergarten des Nachts durchwandert   
    oder nach dem Norden Berlins geht, wo die   
      Panke sich schlängelt.  
     
    Stiefle ich im Grunewald jüngst nach Schildhorn,   
    pfeife lustig «Anne-Marie, erhör mich!»,   
    als ein Hirsch zwölf Schritte vor mir sich regt und –   
      fort wie der Satan!  
       
    's war ein Kapitalkerl, ein Achtzehnender,   
    wie so groß ich keinen zuvor gesehen!   
    Keine Waffe hatt ich –  und doch! er forcht sich! –:   
      fort wie der Satan!  
       
    Laß am Nordpol mich zu den Robben gehen   
    und im ewigen Eise den Eisbären treffen –   
    Glaubst du, daß mir einer ein Leides täte?  
      Ebensowenig!  
     
    Wär ich in der Wüste, im Löwenviertel   
    Afrikas, ich würde mich doch nicht fürchten!   
    Pfeifen würd ich «Anne-Marie, erhör mich»,   
      pfeifen, ja pfeifen. 
 
 
I,23  –  zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,23)
    Vitas hinuleo  me similis, Chloe,  
    quaerenti pavidam  montibus aviis  
      matrem non sine vano  
      aurar' et siluae metu. 
     
    Nam seu mobilibus  veris inhorruit  
    adventus foliis,  seu virides rubum 
      dimovere lacertae  
      et cord' et genibus tremit. 
     
    Atqui non ego te  tigris ut aspera  
    Gaetulusve leo  frangere persequor:  
      Tandem desine matrem  
      tempestiva sequi viro. 
    Warum fliehst du vor mir wie eine scheue Gems,  
    Annchen, bin ich denn so fürchterlich anzuschaun?  
      Laß die Mutter doch predigen –  
      deine Mutter war auch mal jung. 
     
    Aber kaum, daß ich mich irgendwo sehen lass',  
    läufst du fort wie der Wind, daß es vergeblich wird,  
      dir zu folgen – und dann zu Haus:  
      möglichst schnell die Gardine zu. 
     
    Ist das freundlich von dir? Bin ich ein Kannibal,  
    der dich draußen im Wald braten und fressen will?   
      Fressen – höchstens aus Liebe,  
      Kind, so alt schon und noch so spröd! 
 
 
I,27  –  zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,27)
Natis in usum laetitiae scyphis  
pugnare Thracumst: tollite barbarum 
   morem, verecundumque Bacchum  
      sanguineis prohibete rixis. 
 
Vin' et lucernis Medus acinaces  
inmane quantum discrepat: inpium 
   lenite clamorem, sodales,  
      et cubito remanete presso. 
 
Vultis severi me quoque sumere  
partem Falerni? Dicat Opuntiae 
   frater Megillae, quo beatus  
      volnere, qua pereat sagitta. 
 
Cessat voluntas? Non alia bibam  
mercede. Quae te cumque domat Venus, 
   non erubescendis adurit  
      ignibus, ingenuoque semper  
 
amore peccas. Quidquid habes, age,  
depone tutis auribus. A miser, 
   quanta laboras in Charybdi,  
      digne puer meliore flamma! 
 
Quae saga, quis te solvere Thessalis  
Magus venenis, quis poterit deus? 
   Vix inligatum te triformi  
      Pegasus expediet Chimaera. 
Beim Weine gegenständlich zu werden, ist  
kassubisch! Wahrt doch, Freunde, den guten Ton! 
   Bedenkt doch, daß wir nicht in Rixdorf  
      sondern im Westen der Hauptstadt sitzen! 
 
Ich bitt euch, laßt die Messer und Gabeln ruhn: 
Die Glaserrechnung wäre nicht abzusehn!  
   Ad loca, Kinder, seid vernünftig,  
      daß die Gemütlichkeit nicht gestört wird!  
 
Ich soll Bescheid euch tuen in Malvasier?  
Wohlan! doch vorher stell die Bedingung ich, 
   daß unser Freund und Bruder Gottlieb  
      uns seine neuesten Sünden beichte. 
 
Er will nicht? Nun so rühr ich mein Glas nicht an!  
Du schämst dich wohl! O Gottlieb, wenn du dich schämst... 
   Wir kennen dich doch all' und wissen,  
      daß keine einzige deiner wert ist! 
 
Vertrau's uns, Bester, was es auch immer sei!  
Wir sind wie Gräber!.....Oh, das ist bös, sehr bös! 
   Du armer Kerl, so reinzufallen!  
      Hättest doch bessere haben können! 
 
Prost, Gottlieb! spül's hinunter mit Malvasier –  
vielleicht erscheint ein Deus ex machina – –  
   sonst freilich blieb' dir höchstens übrig,  
      daß du die Sache in Verse brächtest. 
 
 
I,32  –  zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen I,32)
    Poscimur. Siquid vacui sub umbra  
    lusimus tecum, quod et hunc in annum  
    vivat et plures, age, dic Latinum, 
      barbite, carmen, 
      
    Lesbio primum modulate civi: 
    Qui ferox bello tamen inter arma,  
    sive iactatam religarat udo 
      litore navim, 
      
    Liber' et Musas Veneremque et illi  
    semper haerentem puerum canebat,  
    et Lycum nigris oculis nigroque 
      crine decorum. 
      
    O decus Phoeb' et dapibus supremi  
    grata testudo Jovis, o laborum  
    dulce lenimen, medicumque, salve 
      rite vocanti 
    Spielen soll ich! ... Wenn ich auf deinen Tasten 
    je geübt, was bleibenden Wert verdiente – 
    nun, so will ich heute ein Volkslied spielen, 
      teuerer Flügel, 
     
    der dem C. G. Schröter zuerst du töntest, 
    der dich in Nordhausen um Siebzehnhundert 
    mit dem Mechanismus der Hämmer schmückte, 
      ferner dem Silber- 
     
    mann in Freiberg, der dich mit Kunst verbessert, 
    dann dem 1. U. Stein in der Stadt der Fugger, 
    dem Pariser Erard, dem Streicher-Wien, dem 
      Broadwoad in London. 
     
    O Klavier, du Zierde und Schmuck des Hauses, 
    Freude, Trost und Speise du aller Ohren, 
    laß mich auf geduldigen Tasten spielen 
      «Santa Lucia»! 
 
 
I,33  –  zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen I,33)
Albi, ne doleas  plus nimio memor  
inmitis Glycerae  neu miserabiles  
decantes elegos  cur tibi iunior 
     laesa praeniteat fide. 
  
Insignem tenui  fronte Lycorida  
Cyri torret amor,  Cyrus in asperam  
declinat Pholoen:  Sed prius Apulis 
     iungentur capreae lupis, 
  
quam turpi Pholoe  peccet adultero.  
Sic visum Veneri,  cui placet inpares,  
formas atqu' animos  sub iuga aenea 
     saevo mittere cum ioco. 
  
Ipsum me melior  cum peteret Venus  
grata detinuit  compede Myrtale  
libertina, fretis  acrior Hadriae 
     curvantis Calabros sinus. 
Albert, kränke dich nicht  allzusehr um ein Weib! 
Sei nicht sentimental!  Hat Friederike sich 
in den Stutzer verliebt,  weil er der hübschere war –: 
     Tröste dich! andern geht's ebenso. 
 
Schau, der niedliche Balg,  Betty von Rosenberg, 
ist in Eduard Schmidt  bis übers Ohr verknallt –: 
Dieser (...) poussiert  Else, die spröde Maid, 
     doch soweit ich die Else kenn, 
 
darf man kecklich vertraun,  daß sich ein Schmetterling 
eher mit einem Mops  bräutlich verbinden wird, 
als ihn diese erhört.  Ja, wie die Liebe spielt, 
     ist ein langes Kapitel, Freund! 
 
Stand ich selber doch einst  vor der Verlobung schon, 
– Exquisite Partie! –, als eine Nähterin 
mir mein Herz überfiel  und es in Fesseln schlug –, 
     's war fatal, aber schön war's doch! 
 
 
II,3  –  zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen II,3)
    Aequam memento rebus in arduis  
    servare mentem, non secus in bonis 
      ab insolenti temperatam  
    laetitia, moriture Delli,  

    seu maestus omni tempore vixeris,  
    seu t' in remoto gramine per dies 

      festos reclinatum bearis  
    interiore nota Falerni. 

    Quo pinus ingens albaque populus  
    umbr' hospitalem consociar' amant 

      ramis? Quid obliquo laborat  
    lympha fugax trepidare rivo? 

    Huc vin' et unguent' et nimium breves  
    flores amoenae ferre iube rosae, 

      dum res et aetas et sororum  
    fila trium patiuntur atra. 

    Cedes coemptis saltibus et domo,  
    villaque, flavus quam Tiberis lavit, 

      cedes, et exstructis in altum  
    divitus potietur heres. 

    Divesne, prisco natus ab Inacho  
    nil interest an pauper et infima 

      de gente sub divo moreris;  
    victima nil miserantis Orci. 
      
    Omnes eodem cogimur, omnium  
    versatur urna serius ocius  
      sors exitur' et nos in aetern'  
    exili' inpositura cumbae. 
    «Kalt Blut und warmes Untergewand!» das ist 
    ein alter Satz, ob minus, ob plus du machst. 
      Wozu die Überschwenglichkeiten? 
    Holt doch auch, Freundchen, der Teufel dich einst, 

    ob du mit Schopenhauer die Welt verwünschst, 
    ob jeden Sonntag du bei Kempinsky dir 

      ein Austernmahl mit Sekt geleistet 
    und eine schwere Export-Havanna! 

    Du bist gesund, bist Kapitalist, bist jung, 
    du hast die schönste Villa am Strand der Spree, 

      in deinen Park verliebt sich jeder – 
    hörst du die Quellen nicht lieblich flüstern? 

    Und zieht's dich nicht zur marmornen Ruhbank dort, 
    darauf der Ahorn schützende Schatten wirft? 

      Ein kühles Weinchen dort zu trinken, 
    denk ich mir, müßte ein Hochgenuß sein. 

    Doch freilich, spar dir jegliche Illusion 
    betreffs der Dauer! – Scheiden mußt einst auch du, 

      und zungensehnalzend wird dein Erbe 
    deine vorzüglichen Marken schlürfen. 

    Das Sterben hast gemein du mit Hinz und Kunz –: 
    Es ist das Gras das einzige Kraut, darein 

      so reich wie arm gemeinsam beißen 
    und sich den Magen daran vertun muß. 

    Auf alle harrt vergnüglichen Blicks Freund Hein 
    und dreht sein knarrendes Glücksrad um und um, 

      und jede Ziffer ist ein Treffer, 
    ist eines Sterblichen arme Seele. 
 
 
II,19
    Bacch' in remotis carmina rupibus  
    vidi docentem, credite posteri, 
      nymphasque discentes et auris  
    capripedum Satyror' acutas. 

    Euhoe, recenti mens trepidat metu,  
    plenoque Bacchi pectore turbidum 

      laetatur. Euhoe, parce Liber,  
    parce, gravi metuende thyrso. 

    Fas pervicacis est mihi Thyiadas,  
    vinique fontem lactis et uberes 

      cantare rivos atque truncis  
    lapsa cavis iterare mella; 

    fas et beatae coniugis additum  
    stellis honorem, tectaque Penthei 

      disiecta non leni ruina  
    Thracis et exitium Lycurgi. 

    Tu flectis amnes, tu mare barbarum  
    tu separatis uvidus in iugis 

      nodo coherces viperino  
    bistonidum sine fraude crines. 

    Tu, cum parentis regna per arduum  
    cohors Gigantum scanderet inpia, 

      Rhoetum retorsisti leonis  
    unguibus horribilique mala; 
      
    quamquam choreis aptior et iocis  
    ludoque dictus non sat idoneus  
      pugnae ferebaris; sed idem  
    pacis eras mediusque belli. 

    Te vidit insons Cerberus aureo  
    cornu decorum, leniter atterens  

      caud', et recedentis trilingui  
    ore pedes tetigitque crura. 
    Gambrinus selber sah ich am Nockherberg 
    Kneip'nlieder lehren – glaub es, ungläubig Volk! – 
      Vor saubrer Münchner Kellermadeln 
    und der Studenten gespitzten Ohren. 

    Rum plum! Noch bebt der Leib mir vom Biergenuß, 
    und aus mir redet stürmisch der Gerstensaft – 

      rum plum, o schone mein, Gambrinus, 
    Gott mit dem schrecklichen Tier im Wappen. 

    Die Radiweiber laßt mich besingen laut, 
    das Hofbräuhaus, die Brezel mit Salz beschneit, 

      das Bockbier, das aus Steinzylindern 
    ölig wie Honig den Schlund hinabläuft! 

    Besingen auch die wartende Ehefrau, 
    die eingeworfnen Fenster des Mannes, der 

      dem Morgenschoppen Feind gewesen, 
    und die bierfeindlichen Philosophen! 

    Du zähmst, Gambrinus, selbst ein Barbarenherz –: 
    In eines Theologen Gestalt charmierst 

      mit hübscher Kellnerin Gelock du, 
    ziehst ihr die Schleife des Schürzenbands auf; 

    In eines Mediziners Gestalt einmal 
    hast du den Haufen drängender Gläubiger 

      mit Maßkrugsalven aus dem Tempel 
    deines olympischen Reichs getrieben. 
     
    Obschon man dich für stärker im Rundgesang 
    und Renommieren als in dem Faustkampf hält, 
      so zeigst du doch, gereizt, so wild dich, 
    wie du gemütlich dich gibst im Frieden. 

    Der Nachtpolyp mit goldenem Tutehorn – 
    ein Auge drückt er schmunzelnd, der Brave, zu, 

      sieht Arm in Arm er deine Söhne 
    johlend durch nächtliche Gassen traben. 
 
 
III,9
   «Donec gratus eram tibi 
nec quisquam potior  bracchia candidae  
   cervici iuvenis dabat; 
Persarum vigui   rege beatior.»  

   «Donec non alia magis 
arsisti nequ' erat   Lydia Post Chloen;  
   multi Lydia nominis 
Romana vigu' e-  larior Ilia.»  
  
   «Me nunc Thressa Chloe regit,  
dulces docta modos   et citharae sciens,  
   pro qua non metuam mori,  
si parcent animae   fata superstiti.»  
  
   «Me torret face mutua  
Thurini Calais   filius Ornyti,  
   pro quo bis patiar mori,  
si parcent puero   fata superstiti.»   

   «Quid si prisca redit Venus 
diductosque iugo   cogit aheneo?  
   Si flav' excutitur Chloe,  
reiectaeque patet   ianua Lydiae?»  
  
   «Quamquam sidere pulchrior 
ill' est, tu levior   cortic' et inprobo  
   iracundior Hadria:  
Tecum vivere amem,   tec' obeam libens!» 

   «Als ich Hahn noch im Korbe war, 
und kein andrer Mund   sich auf das braune Mal 
   deines schneeigen Nackens bog – 
Bombenkreuzelement!   Mädel, die Zeit war schön!» 
 
   «Als du sonst keine Flamme hatt'st 
und kein andrer Zopf   dir in die Augen stach – 
   ach, wie stolz war die Gretel da, 
und wie platzten vor Neid   all' meine Freundinnen!» 
 
   «Ich poussiere die Frieda jetzt. 
Waldmann spielt die und Strauß;   oh, und sie singt sehr nett! 
   Wär's daß eins von uns sterben müßt', 
sagt' ich: Frieda, du bleibst!   Ich sterbe gern für dich!» 

   «Ach, ich bin so verliebt in den 
Max, – sein Vater, der ist   polnischer Adliger! 
   Wär's daß eins von uns sterben müßt', 
sagt' ich: Maxchen, ich leid   zehnmal den Tod für dich!» 
 
   «Hm! – Was sagtest du wohl, wenn nun 
Amor wieder den Zwist   lächelnd begütigte? 
   Wenn die Frieda passée wär und 
mein verstoßener Schatz   offen fänd Herz und Tür?» 
 
   «Maxchen freilich ist tadellos – 
du hingegen ein leichtsinniger Sausewind! 
   Doch trotz alle- und alldem – 
du mein Leben und Tod,   mach mit mir, was du willst!» 

 
 
III,12
Miserarumst nequ' amori  
      dare ludum neque dulci  
mala vino laver' aut ex- 
      animari metuentes 
patruae verbera linguae. 
  
Tibi qualum Cythereae  
      puer ales, tibi telas 
operosaeque Minervae  
      studi' aufert, Neobule,  
Liparaei nitor Hebri,  
  
simul unctos Tiberinis  
      umeros lavit in undis, 
eques ipso melior Bel- 
      lerophonte, neque pugno  
neque segni pede, victus  
  
catus idem per apertum  
      fugientes agitato 
grege cervos iacular' et  
      celer arto latitantem  
fruticet' exciper' aprum. 
Welch ein Elend, arme Kleine, 
      wenn der Tante böse Zunge 
dir unschuldiger Poussaden, 
      ja sogar des Kaffeekränzchens 
süße Freudenwelt verkümmert! 

Ach, ich sah dich wohl, Helenchen, 
      jüngst am Fenster träumend sitzen, 
umgefallen lag der Nähkorb 
      und der Wollknäul ohne Regung – 
plagt dich der bewußte Leutnant? 

Hast ihn wohl einmal vom Dampfer 
      in dem Flusse schwimmen sehen... 
Durch den Stadtpark galoppieren... 
      Im Lawn Tennis triumphieren... 
Seine Kompagnie formieren... 

Oder gar auf Onkels Landgut...: 
      wenn die Kavaliere kamen 
und vor allen Er das meiste 
      Edelwild – und mit ihm (nicht wahr?) 
stets auch dich zur Strecke brachte? 

 
 
III,21
    O nata mecum consule Manlio,  
    seu tu querellas sive gens iocos 
      seu rix' et insanos amores,  
    seu facilem, pia testa, somnum, 

    quocumque lectum nomine Massicum  
    servas, moveri digna bono die, 

      descende, Corcino iubente  
    promere languidiora vina 

    non ille, quamquam Socraticis madet  
    sermonibus, te negleget horridus; 

      narratur et prisci Cantonis  
    saepe mero caluisse virtus. 

    Tu lene torment' ingeni' admoves  
    plerumque duro; tu sapientium 

      curas et arcanum iocoso  
    consilium retegis Lyaeo; 

    tu spem reducis mentibus anxiis  
    viresqu' et addis cornua pauperi, 

      post te nequ' iratos trementi  
    reg' apices neque milit' arma. 

    Te Liber et si laet' aderit Venus  
    segnesque nodum solvere Gratiae, 

      vivaeque producent lucernae,  
    dum rediens fugat astra Phoebus. 
    Heut soll der Zweiundsechziger endlich dran, 
    der jenes Jahr, da Bismarck Minister ward, 
      gleich mir sich zum Geburtsjahr wählte! 
    Mag er in Melancholie mich stürzen, 

    mag Scherz und Spott, mag hitzige Händelsucht, 
    mag Liebeswut, mag friedlichen Schlummer er 

      uns bringen! ... Bitte schön, Frau Lehmann! 
    Hier sind die Schlüssel: die Flasche Rheinwein! 

    Ich denke, Karl, du wirst doch kein Unmensch sein, 
    obzwar Dozent der Philosophie du bist: – 

      Verwarf's doch selbst der strenge Kant nicht, 
    manchmal ein Gläschen vergnügt zu trinken. 

    Ein Weinchen! oh, ich sag dir, ein Weinchen, Freund! 
    Bei dem ein Klotz Ekstatiker werden muß, 

      bei dem die kniffigsten Schlaumeier in 
    ihre Karten sich gucken lassen. 

    Ein Saft, der jede Sorge zur Hölle jagt, 
    der jeden Tropfen Blutes dir glühend macht, 

      daß stolz du wirst vor Königsthronen 
    und vor des Staatsanwalts Auge furchtlos. 

    Vor fünf Uhr morgens gehn wir heut nicht zu Bett. 
    So lang das Öl im Becken der Lampe reicht 

      laß froh die Stunden uns verplaudern! 
    Prosit, amico! auf: «Was wir lieben»! 
 
III,22
Montium custos nemorumque, Virgo,  
quae laborantes utero puellas  
ter vocat' audis adimisque leto, 
                  diva triformis, 
  
inminens villae tua pinus esto,  
quam per exactos ego laetus annos  
verris obliquum meditantis ictum  
                  sanguine donem. 
Die Sie Wind und Wetter nicht scheuten, Emma, 
als wir neulich Ihrer Person bedurften 
und in Todesängsten ich dreimal Ihnen 
                     telephonierte – 
 
wolln Sie für den Winter ein Klafter Brennholz? 
Darf ich Ihnen Schinken und Wein zuschicken? 
Ausgestanden hab ich! ... ach, Frau! wie bin ich 
                     Ihnen so dankbar! 
 
 
III,25
   Quo me, Bacche, rapis tui,  
plenum? Quae nemor aut   quos agor in specus,  
   velox mente nova? Quibus  
antris egregii   Caesaris audiar  

   aeternum meditans decus  
stellis inserer' et   consilio Jovis?  
   Dic', insigne, recens, adhuc  
indict' or' alio.   Non secus in iugis 

   edonis stupet Euhias,  
Hebrum prospiciens   et nive candidam 
   Thracen ac pede barbaro  
lustratam Rhodopen,   ut mihi devio 

   ripas et vacuum nemus  
mirari libet. O   Naiadum potens  
   Baccharumque valentium  
proceras manibus   vertere fraxinos  

   nil parv' aut humili modo,  
nil mortale loquar.   Ducle periculumst,  
   o Lenaee, sequi deum  
ringentem viridi   tempora pampino. 

   Wohin reißt mich der süße Wein? 
Welche Gassen sind das,   die ich noch nie gesehn? 
   Welches Glückskind von Nachtrat hört, 
was die schweigende Stadt   laut mich zu schwärmen reizt! 
 
   Wißt ihr, was ich im Pult noch hab? 
Was euch allen noch winkt?   Glückliche Menschen, ihr! 
   Solche Dinge, wie ich da sag, 
hat noch keiner gesagt,   seit Gott die Welt erschuf! 
 
   Mädel, du vor der Schenke dort – 
he, was guckst du mich an?   Guck dich doch selber an! 
   Ich bin völlig bei klarem Sinn! 
Ich kann gehn, wie ich will –   wo ich – wohin ich will! 
 
   Gott ist Zeuge, ich hab noch nie 
einen schlüpfrigen Vers –   noch einen schlechten Vers, 
   überhaupt einen Vers – gemacht, 
der nicht, ihm zu gefall'n,   mir aus der Feder floß! 
 
   Ach... es ist doch von eigenem Reiz, 
zwischen schwankenden Reihn   schiefer Gebäude so 
   sichern Fußes des Weges zu ziehn, 
des Zylinderhuts Rohr   tief in die Stirn gedrückt... 
 
 
III,26
    Vixi duellis nuper idoneus,  
    et militavi non sine gloria; 
      nunc arma, defunctumque bello  
      barbiton hic paries habebit, 
     
    laevum marinae qui Veneris latus  
    custodit. Hic, hic ponite lucida  
      funali' et vectes et arcus 
      oppositis foribus minaces. 
     
    O quae beatam diva tenes Cypr' et  
    Memphin carentem Sithonia nive,  
      regina, sublimi flagello  
      tange Chloen semel arrogantem!
    Vor kurzem noch ein Ritter im Liebesspiel, 
    der seine Klinge nicht ohne Glück geführt – 
      und heut? .. Genug! laßt uns nun endlich 
      Leyer und Schwert an den Nagel hängen. 
     
    Und an denselben Nagel den Dieterich, 
    der mir nichts half, die kleine Laterne, die 
      verlosch, und die Strickleiter, die das 
      freche Geschöpf mir vom Fenster abschnitt. 
     
    Du sonst so eifrig rächende Nemesis – 
    die Dirn empfehl ich deiner besondern Huld! 
      Der wünscht' ich einen Mann einst, der sie 
      ein um den anderen Tag verprügelt.
 
 
III,30
Exegi monument'  aere perennius,  
regalique situ  pyramid' altius,  
quod non imber edax,  non Aquil' inpotens  
possit diruer' aut  innumerabilis  

annorum series  et fuga temporum.  
Non omnis moriar  multaque pars mei  
vitabit Libitin':  usqu' ego postera  
crescam laude recens,  dum Capitolium 

scandet cum tacita  virgine pontifex.  
Dicar, qua violens  obstrepit Aufidus  
et qua pauper aquae  Daunus agrestium  
regnavit populor',  ex humili potens  

princeps Aeolium  carmen ad Italos  
deduxisse modos.  Sume superbiam  
quaesitam meritis  et mihi Delphica  
lauro cinge volens,  Melpomene, comam. 

Wenn die Bürger mir ein  Monument stifteten, 
ob aus Gips oder Holz,  Erz oder Marmerstein, 
– Sommers sonnt es sich froh,  kinderwagenumringt, 
Winters baut man ein Dach  drüber aus Papp' und Stroh – 
 
kann man eins gegen zehn  wetten: Der Zahn der Zeit 
nagt so lange daran,  bis es in Trümmer füllt. 
Darum lob ich mir das,  was ich mit eigner Hand 
in der Weltpoesie  ewige Tafeln schrieb. 

Nimmer werd ich vergehn;  blühen, solange mich 
ein Magister durchs Tor  eines Gymnasiums trägt 
und die Klasse mit mir  würdigen Schritts betritt 
und voll tiefen Verstands  mich seiner Prima preist! 

Überall, wo der Mensch  klassische Bildung pflegt 
wird man fordern von ihm,  daß er horazfest sei. 
Habe mich darum auch  redlich genug geplagt! 
Reicht mir neidlos den Kranz,  der meiner Kunst gebührt! 

 
*       *       *       *       *
 Anhang:
 
              Eduard Mörike: Wispeliaden, "Sommersprossen" (1837):
                                          IXte Ode des Horace
 
    .Horatius ad / Thaliarchum  
    (Chansons, Livre I, od. 9) 
     
    Vides, ut alta stet nive candidum 
    Soracte, nec jam sustineant onus 
      sivae laborantes, geluque 
        flumina constiterint acuto.
      
    Dissolve frigus, ligna super foco 
    large reponens; atque benignius 
      deprome quadrimum Sabina, 
        o Thaliarche, merum diota.
   
     
 
    Des / Vtus Horazius Flakkus / aus Wenusia /  
    Ersten Buches der Oden / die Neunte  
      
    Schau, wie, an Altersweisheit ein Sokrates 
    Höchlings der Berg steht, und wie die Silphe sich, 
      Ihn untergrabend, umsonst abmühet, 
        Und die Gewässer wie Spießglas zwitzern!
     
    Wärme dich, Guter! stapple den Holzstoß auf, 
    Reichlich, nicht etwa über dem Sparherd bloß! 
      Und vielleicht ist Sabinchen* so gütig, 
        Uns, Daliarch, ein Quart Rein-Wein zu wismen.**
  * Wahrscheinlicherweise Horazens Gattin.  
** Die übrigen Verse blieben weg, weil ich sie nicht für antique halte.  
 
 
 
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